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Kapitel 22: Reines Gewissen

  Tanzenden

  Schatten zogen sich im Kerzenschein durch die stille Kammer. Der Geruch

  von Wachs auf altem Holz vermischte sich zu etwas Neuem. Aethyrael sah

  den Schock in ihren tiefen dunklen Augen. Und er genoss den Anblick. Es

  gab nichts Sch?neres als sprachlose Hexen. Er setzte sich beil?ufig,

  verschr?nkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie, mit dem Blick

  eines Kindes, der von vielen Dingen sprach, aber nicht von Traurigkeit.

  ?Schuldig der Sünde. Und ich bereue nichts!"

  Eine Pause. Kurz. Kalkuliert.

  ?Du siehst gelangweilt aus wie immer." Er betrachtete sie gewitzt. ?Doch auch Langeweile kostet."

  Stille.

  Sie

  sah ihn entgeistert an. Als ob sie etwas z?hlte, das er nicht sehen

  konnte. Dann — eine Feststellung. Keine Frage. Keine W?rme. Gewissheit.

  ?Todessehnsucht."

  Er

  h?rte es, doch bestrafte sie mit Schweigen. Trotzig sa? er da, mit

  demselben Grinsen, das er durch das Portal getragen hatte. Ceryne

  fixierte ihn mit einem Funkeln in den Augen. Das Zucken ihrer Mundwinkel

  ein feiner Riss in ihrer sonst so makellosen Fassade. Begeisterung sah

  anders aus. Sie lehnte sich l?ssig zurück und nippte genüsslich an ihrem

  Getr?nk. Das tiefe Rot der Flüssigkeit lag schwer im Glas wie Blut.

  Stille legte sich über die stickige Kammer, als w?re sie in dichten

  Nebel gehüllt.

  ?Deine Mutter wird begeistert sein", brach sie schlie?lich das Schweigen und l?chelte verwegen.

  ?Lange nicht gesehen, Schatten der Ordnung", wiegelte er entschieden ab.

  ?Das soll wohl ein Scherz sein", schnaubte sie und erhob sich entschieden aus ihrem Sessel. ?Wo du bist, wird Ananke folgen."

  Eine

  flüchtige Handbewegung sp?ter war das Schloss der Tür mit einem

  klickenden Ger?usch eingerastet. Mit einer Selbstverst?ndlichkeit, die

  der Sch?pferin selbst Konkurrenz bereitet h?tte, baute sich die

  zierliche Frau vor ihm auf. Beide H?nde an den Hüften. Bebende

  Nasenflügel. Selbst die Sorgenfurche ihrer Stirn musste sich dem

  aufkommenden Zorn geschlagen geben.

  Schlafende Hunde soll man nicht wecken, dachte Aethyrael belustigt und musterte sie von Kopf bis Fu?.

  Doch

  bevor er etwas erwidern konnte, begann ein Wasserfall aus Worten auf

  ihn einzuprasseln. Kalt. Klar und befreit von jeder Form des Mitleids.

  Eine natürliche Reaktion. Vorhersehbar. Mit gleichgültiger Miene lie? er

  sie gew?hren. In dieser Hinsicht waren alle Hexen gleich. Wie ein

  blanker Nerv, zur Schau gestellt, entzog sich etwas ihrer Ordnung. Eine

  zerbrechliche Ordnung, ging es um den Stern der Sch?pferin. Ersch?pft

  durch ihren Wutanfall sackte Ceryne wenig sp?ter in ihrem Sessel

  zusammen. Ihre kleinen zitternden H?nde umklammerten das Glas, als würde

  es ihr Halt geben. Ein rührender Versuch, die Angst vor dem Zorn der

  Sch?pferin zu verstecken. Einen Moment sagte sie nichts und blickte

  verloren in das flackernde Kerzenlicht.

  ?Du warst immer schon ein Problem auf zwei Beinen", murmelte sie ohne aufzusehen. ?Was hast du dir dabei gedacht?"

  Er ?ffnete den Mund —

  ?Sags

  mir nicht." Eine knappe Handbewegung. Abgetan. Endgültig. ?Der kleine

  Stern hat sich verlaufen und ich darf jetzt das Kinderm?dchen spielen."

  Sie polterte weiter, die Worte rollten wie Donner über ihn hinweg.

  Es klopfte.

  Ceryne verstummte. Ihr Blick glitt zur Tür. Schmal. Kalt. Das Funkeln in ihren Augen ein Ausdruck von Missbilligung und Zorn.

  ?Herein."

  Der

  Klang ihrer Stimme nun wieder verlockend. Einladend. Warm. Als w?re

  nichts gewesen. Aethyrael sah sie verwundert an und runzelte die Stirn,

  doch sie schob ihn kurzerhand zur Seite. Ceryne murmelte etwas und die

  Schatten der Kammer wurden lebendig. Wie lebendiges Unkraut wuchsen sie

  aus dem Holzboden, den W?nden und der verzierten Decke. Dann ein

  Poltern.

  ?Setz

  dich dahin und sei still", sagte sie und deutete flüchtig auf einen

  weiteren Sessel, der aus dem Nichts erschienen war. Alt. Dunkelblau auf

  Schwarz und abgenutzt.

  Die

  Tür ?ffnete sich langsam. Was eintrat, blieb im Ged?chtnis — nicht weil

  es sch?n war. Sondern weil es das Gegenteil war. Ein Mann. Breit.

  Schwer. Das Gesicht eine Landkarte aus Narben, als h?tte das Leben

  selbst mehrfach versucht, es auszul?schen. Doch ohne Erfolg. Einer davon

  lief vom linken Auge bis zum Kiefer — blass, alt, tief. Die Augen

  darunter: unruhig. Gezeichnet durch tiefe Augenringe. Die H?nde:

  zitterten. Er trat einen Schritt in den Raum. Blieb stehen. Sein Blick

  wanderte von Ceryne zu Aethyrael — und zurück. In seiner Hand hielt er

  eine verrostete Kette. Und an ihrem Ende befestigt: etwas Lebendes.

  Ein

  M?dchen. Aethyraels Alter. Vielleicht jünger. Schwer zu sagen — sie

  hing mehr als sie stand, die Knie kaum in der Lage, ihr Gewicht zu

  tragen. Das Haar klebte ihr im Gesicht. Die Fü?e: nackt. Die Augen: halb

  geschlossen. Frei von jeder Hoffnung.

  Der

  Alte r?usperte sich. ?Ich habe geh?rt, es gibt Interesse. An Begabten."

  Er schob das M?dchen ein Stück vor. ?Sie ist es wert."

  Ceryne betrachtete ihn absch?tzig. Dann das M?dchen. Einen Herzschlag lang — nicht l?nger.

  ?Das

  Balg besitzt keine magische Begabung", sagte sie. Beil?ufig. Als würde

  sie das Wetter kommentieren. ?Wertlos. Zeitverschwendung."

  Der

  Mann verstand es nicht. Oder wollte es nicht verstehen. Er schritt in

  die Kammer und zerrte das M?dchen hinter sich her. ?Sieh sie dir an."

  Seine Stimme wurde lauter. Dringlicher. ?Man kann es sehen. Klar und

  deutlich."

  Ceryne hob den Blick. Langsam. Mit der Geduld eines J?gers, der soeben seine Beute gewittert hat.

  ?Ich sehe", sagte sie ruhig, ?nur ein halbtotes junges Ding."

  Stille.

  Der

  Mann ?ffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Aethyrael lehnte im

  abgenutzten Dunkelblau des Sessels und beobachtete. Das M?dchen an der

  Kette hatte die Augen ge?ffnet. Nur einen Spalt. Aber genug. Sie sah ihn

  an und l?chelte. Er sah zurück und konnte es nicht. Etwas zwischen Herz

  und Seele lie? es nicht zu. Es kam ihm falsch vor und doch konnte er

  nicht in Worte fassen was. Moonshire versprach ihm Abstand zu niederen

  Sterblichen und ihren Leiden. Doch Helios war nah. Zu nah.

  ?Pah", grunzte er. ?Dann verkaufe ich die Kr?te eben woanders. Bist nicht die einzige Hexe der Stadt in dieser Nacht."

  Er

  drehte sich und versetzte der Sklavin einen wuchtigen Tritt. Sie

  prallte mit einem dumpfen Knacken rücklings gegen die Tür und blieb

  wimmernd am Boden liegen. Das dunkle sterbliche Blut tauchte den

  Holzboden in ein tiefes Rot. Aethyrael hatte nicht bemerkt, wie er sich

  erhoben hatte. Nur, dass er stand und dem Alten einen kalten Blick

  zuwarf. Doch Ceryne war bereits verschwunden. Der Schatten, der soeben

  noch neben Aethyrael gesessen hatte, tauchte vor dem Alten auf. Lautlos.

  Ohne übergang. Als h?tte die Kammer selbst entschieden, dass es Zeit

  war zu bezahlen. Eine flie?ende Bewegung sp?ter. Kein Z?gern. Kein Zorn.

  Nur Metall durch Fleisch und Knochen.

  Das Messer blitzte. Die Hand fiel. Blut vermischt mit Staub und Holz. Kein ansehnliches Spiel.

  Der

  Mann schrie — ein rohes, ungl?ubiges Ger?usch — Cerynes Fu? traf ihn in

  die Brust, bevor der Schrei zu Ende war. Er stürzte rückw?rts. Prallte

  auf den Boden. Blieb liegen. In seinem eigenen Blut. Vor Schmerz

  gekrümmt. Um eine Hand leichter. Und eine Lektion schwerer. Mit Panik in

  den Augen machte er sich daran, die Blutung zu stoppen. Ceryne

  betrachtete ihn von oben herab. Das L?cheln war zurück. Das falsche. Das

  alte.

  ?Da du nichts anzubieten hast", sagte sie freundlich, ?nehme ich mir deine Hand." Eine kurze Pause. ?Fürs Erste."

  Dann wandte sie den Blick zum M?dchen. Kurz. Ohne W?rme.

  ?Und jetzt nimm dein Haustier — und verschwinde."

  Aethyrael

  stand noch. Der Impuls war noch da — hei?, unfertig, in voller Blüte.

  Ein Schuldschein für einen Sterblichen. Und er wollte die Bezahlung

  sofort. Doch Ceryne hatte ihm keine Zeit gelassen. Er sah auf den Mann

  am Boden. Dann auf sie. Mehr Ratlosigkeit als Problem auf zwei Beinen.

  The tale has been illicitly lifted; should you spot it on Amazon, report the violation.

  ?Setz

  dich. Du machst die Schatten unruhig.", sagte Ceryne mit einem

  Kopfnicken in Richtung des Sessels. Dann ein ehrliches L?cheln: ?Und

  mich auch."

  Aethyrael

  lie? sich zurück in den Sessel fallen. Der Anblick schmerzerfüllter

  Gesichter und Blutrot mit metallischem Geschmack auf der Zunge war

  wahrlich nichts Neues für ihn. Viele mochten ihn der Erscheinung nach

  für ein Kind halten. Doch hatte er sich nie wie eines gefühlt. Kinder

  mussten lernen, was er bereits wusste. Fühlen, was er bereits kannte.

  Fluch der Hexenkinder nannte er es. Und genauso war es auch. Er wollte

  Kind sein. Sein Verstand lie? es nicht zu. Mitleid zeigen — seine

  Gedanken widersprachen ihm. Es war leichter, sich dem Fluss hinzugeben,

  als dagegen anzuk?mpfen. Die Sterblichen als Herdenvieh zu betrachten,

  nicht als wertvolle Existenzen. Er holte tief Luft und richtete seine

  Aufmerksamkeit wieder nach vorne: auf besagtes Herdenvieh.

  ?Wirds

  bald", polterte Ceryne und versetzte dem Alten noch einen Tritt gegen

  seinen Sch?del, der ihn direkt wieder zu Boden warf. ?Du blutest mir den

  Boden voll."

  Der

  Mann rappelte sich auf, griff zitternd nach der rostigen Kette. Dann

  schnappte er sich das wimmernde M?dchen und ergriff haltlos die Flucht.

  Was zurückblieb, war eine zuckende herrenlose Hand. Und eine mit

  Blutsprenkeln verzierte Kammer im Gasthaus zur Glückseligkeit.

  Was

  für ein Auftritt, dachte Aethyrael und sah fragend zu Ceryne. Doch sie

  grinste nur und war dabei in aller Seelenruhe ihr Gold und den Rest

  ihrer Habseligkeiten in ihrem Dimensionsring zu verstauen. Weder in Eile

  noch mit Schuldgefühlen. Nur das Klirren der Münzen war zu h?ren.

  ?Was machst du hier eigentlich", fragte er.

  Ceryne hob den Blick vom Ring. Kurz. Als h?tte sie die Frage bereits erwartet.

  ?Ich sorge dafür, dass es der Herde besser geht."

  Sie warf ihm eine Münze zu. Ohne Vorwarnung. Ohne Blickkontakt.

  ?Natürlich nur gegen Bezahlung."

  Aethyrael

  fing sie. Betrachtete die Münze. Rau und schwer lag sie in seiner Hand.

  Dann sie. Die Worte standen noch im Raum — ruhig, beil?ufig, vollkommen

  ernst gemeint. Und doch. Er ?ffnete den Mund. Schloss ihn wieder.

  ?ffnete ihn ein zweites Mal. Keine Worte, aber viele Fragen. Ceryne

  amüsierte das sichtlich. Das Funkeln war zurück — nicht das falsche. Das

  ehrliche. Das gef?hrlichere.

  ?Bevor du fragst." Sie lehnte sich zurück. ?Ja. Mir ist langweilig."

  Eine Pause.

  ?Aber

  das wusstest du ja schon." Der Blick glitt zu ihm — kurz, warm, mit

  einem Unterton, der ?lter war als das L?cheln, das ihn begleitete.

  ?Kleiner."

  Aethyrael

  sah sie an. Fassungslos war das falsche Wort. Es war — ungeordnet. Ein

  Gefühl, das keine Schublade kannte. Ceryne, die die Herde beschützte.

  Gegen Bezahlung. Mit einem Dimensionsring voller Gold und einer

  abgetrennten Hand auf dem Boden. Er entschied sich dagegen, es zu

  verstehen. Fürs Erste.

  ?Und die Hand", fragte er und deutete mit einem Finger auf das zuckende Stück Fleisch am Boden.

  Die Hexe sah ihn an und zuckte dann teilnahmslos mit den Schultern. ?Ein Andenken." Dann ein kurzes Kichern. ?Und eine Spur."

  ?Eine Spur wohin", fragte er und entschied sich dazu, die Hand vorerst zu ignorieren. Für seinen Seelenfrieden.

  Sie hob die Hand auf und sah ihn dann direkt in die Augen. Keine Spur von Abneigung oder Ekel.

  ?Oh,

  das wird sich zeigen", flüsterte sie geheimnisvoll. ?Aber sei dir

  gewiss, die Hand war nicht das letzte K?rperteil, das der Alte heute

  verlieren wird."

  Ceryne

  zeichnete mit absoluter Selbstgef?lligkeit ein magisches Symbol in die

  Luft. Blaues Flackern verdr?ngte das Licht der Kerzen. Aethyrael wusste,

  was es war. Das Zeichen schwebte für einen Moment pulsierend vor sich

  hin, dann begann der Raum zu vibrieren. Aus den Schatten trat ein

  Konstrukt hervor. Teilnahmslose Miene, tote Augen. Puppenhafter K?rper.

  Doch es gab einen entscheidenden Unterschied: Diese seelenlose Imitation

  eines verkommenen Gedankens wollte nicht dienen, sie wollte t?ten.

  Sie

  nahm die Hand und warf sie dem Konstrukt vor die Fü?e wie einem Hund

  den ersehnten Knochen. Das willenlose Wesen stürzte sich darauf wie ein

  Tier auf rohes Fleisch. Zusammengekauert sa? es danach unter dem Tisch

  der Kammer. Schmatzende Ger?usche und brechende Knochen ert?nten aus der

  Dunkelheit. Aethyrael verzog angewidert das Gesicht. Mit einem letzten

  lauten Knacken, gefolgt von einem Schlucken, kehrte Ruhe ein. Die abartige

  Kreatur kam mit gro?en Augen und blutverschmierten Lippen aus der

  Dunkelheit gekrochen. Mit erwartendem Blick suchte sie nach ihrer

  Herrin. Jede Bewegung klang wie Metall auf Metall. Selbst der Atem war

  mehr ein seltsames R?cheln mit fauligem Gestank. Hustend und sabbernd

  warf sie sich vor Ceryne zu Boden.

  ?Konstrukt frisst. Konstrukt sucht. Konstrukt t?tet.", stammelte es vor sich hin ohne aufzusehen.

  ?Dann such, niedere Kreatur", zischte Ceryne. ?Bring mir seinen Kopf. Den Rest kannst du haben."

  ?Die Meisterin der Schatten ist ?u?erst gro?zügig", stotterte es und verschwand in der Nacht des Sündenpfuhls.

  Zurück

  blieb Ratlosigkeit. Das dringende Bedürfnis, sich am Kopf zu kratzen.

  Abneigung und ein ekelhafter Geruch. Aethyrael hatte schon viele

  Konstrukte gesehen, aber das war neu. Selbst das Symbol seiner Kaste war

  ihm unbekannt. Alles was er kannte war Moonshire, und doch wusste er

  nichts. Nicht das Geringste. Verst?render Anblick hin oder her.

  Fliegende K?rperteile, Blut und Tr?nen. Alles nichts Neues. Aber diese

  Ger?usche und dieser Blick. Er schüttelte sich, als wollte er das

  Erlebte und den Ekel loswerden. Doch stattdessen fühlte er übelkeit

  aufsteigen.

  ?Du siehst blass aus, Kleiner", sagte sie und betrachtete ihn aufmerksam.

  Stille war das Einzige, was Aethyrael ihr geben konnte.

  ?Ich

  würde dir ja was zu essen anbieten", fuhr sie fort und lie? den Blick

  durch den Raum gleiten. ?Aber ich glaube, du hast bestimmt keinen Hunger

  mehr."

  Dann warf sie ihm einen wissenden Blick zu und fing an, h?hnisch zu lachen.

  ?Schweig, du Hexe", knurrte er und funkelte sie an.

  Ceryne lachte weiter. H?hnisch. Unaufh?rlich. Einen Atemzug lang.

  Dann — nichts. Nur ihre Hand, die sich um seinen Arm schloss. Fest. Ohne Vorwarnung.

  ?Die

  Glückseligkeit hat uns hier leider verlassen." Sie sah ihn an. Kein

  L?cheln mehr. Kein Funkeln. Nur — Fokus. ?Komm, Kleiner, wir suchen uns

  was Neues."

  Eine Pause.

  ?Ich hab da auch schon eine Idee."

  Die Nacht empfing sie mit allem, was Helios zu bieten hatte.

  Aethyrael

  folgte ihr durch die engen Gassen des Sündenpfuhls. Ceryne bewegte sich

  durch die Menge wie Wasser durch Risse — lautlos, zielgerichtet, ohne

  zu z?gern. Er beobachtete. Lie? die Kulisse auf sich wirken. Die K?lte

  der Nacht legte sich auf seine Haut und brachte seine Sinne in Einklang.

  Sch?rfer. Klarer. Als w?re die Welt endlich wieder zurück in ihrer

  gewohnten Umlaufbahn. Doch der Stern war es nicht.

  Bei dem Gedanken daran musste er grinsen.

  Sklaven

  schliefen im Dreck der Stra?e. Zusammengekauert zwischen Abfall und

  feuchtem Stein. Dazwischen Kinder — so klein, dass man sie erst auf den

  zweiten Blick sah. Und Wesen, die keine Namen hatten und auch keine

  brauchten. Die Stadt schlief nicht. Sie atmete. Schwer. Feucht. Mit dem

  Rhythmus von allem, was niedere Sterbliche einander antun, wenn niemand

  hinschaut. Verlangen war hier nicht nur ein Wort. Es war ein Geschmack,

  der sich wie S?ure auf die Lippen legte. Gewalt nicht nur ein Zustand,

  sondern ein Geruch, der drohend in der Luft lag.

  St?hnen

  hinter geschlossenen Fensterl?den. Ein Schrei, der abbrach, bevor er zu

  Ende war. Lachen, das zu laut war, um ehrlich zu sein. Helios nicht nur

  irgendein Sündenpfuhl. Es war fleischgewordene Sünde, konzentriert auf

  einen Punkt in den Schatten dieser gepeinigten Welt. Aber ein Pfuhl

  setzte voraus, dass irgendwo ein Ufer war.

  Doch in diesem Ozean aus Verführung und Begierde gab es keins.

  Aethyrael

  sog die Luft ein. Blut. Holzrauch. Billiges Parfüm. Und darunter —

  etwas Fauliges, das keine Quelle hatte. Nur überall war. Er lie? es

  geschehen. Lie? Helios ihn beobachten, w?hrend er Helios beobachtete.

  Zwei Augen, die sich ma?en, ohne zu blinzeln. Ceryne blieb stehen und er

  neben ihr. Vor ihnen hing ein Schild. Schlicht. Holz. Mit unebenen

  Buchstaben in das Material gebrannt, als h?tte jemand schlichtweg keine

  Lust gehabt.

  ?Zum Reinen Gewissen."

  Aethyrael las es. Einmal. Zweimal. Dann sah er sie fassungslos an.

  Und fing an zu lachen.

  Nicht

  weil es lustig war. Es war — absurd. Eine Stadt, die ihren G?sten

  Glückseligkeit und reines Gewissen verkaufte, w?hrend die Stra?en davor

  mit Fleisch und Elend gepflastert waren. Hier gab es weder das eine noch

  das andere. Nur den Tod und seinen Auftritt. Geduldig. Wie immer. Das

  Lachen h?rte auf, so schnell wie es begonnen hatte. Er sah das Schild

  an. Dann sie.

  ?Nicht dein Ernst", sagte er.

  Sie

  schob die alte Holztür beiseite und trat ein. Der Raum dahinter war

  leer. Kein Wirt. Kein Gast. Nur ein Empfang, den niemand bediente.

  Stühle ohne Besitzer. Eine einzelne Kerze brannte verloren als letztes

  Licht der Hoffnung. Mehr nicht.

  Dann — ein Ger?usch.

  Dumpfes

  Klopfen. Gleichm??ig. Aus der Richtung hinter der Theke. Gefolgt von

  einem St?hnen, das schwer zu deuten war. Schmerz oder Vergnügen. Beides

  klang in Helios gleich. Aethyrael stand in der Tür und lauschte. Die

  K?lte der Nacht hing noch an ihm und lie? ihn leicht zittern.

  ?Reines Gewissen", murmelte er mürrisch. ?In der Tat."

  Ceryne warf ihm einen Blick zu. Das Funkeln war zurück.

  ?Warte

  hier", sagte sie — doch die Tür hinter dem Empfang schwang im selben

  Moment auf. Mit einem Krachen bohrte sich die Türklinke aus Messing in

  die dahinterliegende Wand. Im Rahmen stand ein glatzk?pfiger Mann, der

  auch schon mal bessere Tage gesehen hatte. Er trug schlichte graue

  Kleidung und eine wei?e Schürze aus Leder. Vom reinen Wei? war jedoch

  wenig geblieben. Stattdessen war darauf ein Kunstwerk aus roten

  Spritzern abgebildet. Seine Schweinsaugen wanderten suchend durch den

  Raum und fanden erst Ceryne. Und dann Aethyrael.

  Dieser Albtraum nimmt kein Ende, dachte er und kratzte sich dieses Mal tats?chlich am Kopf.

  ?Wer ist dieses Balg", blaffte der Glatzkopf hinter dem Tresen.

  ?Ein

  Zimmer für zwei auf unbegrenzte Zeit und keine Fragen, Manni.", fiel

  ihm Ceryne schnippisch ins Wort. ?Der Kleine geh?rt zu mir."

  Sie

  legte ihm besitzergreifend beide H?nde auf die Schultern. Manni warf

  ihr einen wissenden Blick zu und grinste dann breit. Es war das Grinsen

  eines Sadisten. Ein Grinsen, das er bei Silvara oft gesehen hatte, wenn

  sie ihre Spielchen mit den Sterblichen trieb.

  ?Man

  nennt mich Manni, Kleiner", sagte er und richtete seine kleinen Augen

  auf Aethyrael. Dann grinste er und leckte sich über seine fetten Lippen:

  ?Aber alle hier nennen mich nur: den Fleischer."

  ?Thyrael", sagte er knapp. Dann warf er dem selbst ernannten Fleischer einen giftigen Blick zu. ?Problem auf zwei Beinen."

  Er

  nickte anerkennend und deutete mit einer knappen Handbewegung auf die

  staubige Treppe. Das Innenleben des Gasthauses genauso einladend wie der

  Fleischer am Empfang. Die Zimmer alt und staubig. Heruntergekommen.

  Abgenutzt. Verbraucht. Das Beste, was Helios zu bieten hatte. Und

  Thyrael würde es genie?en. In der ersten Reihe.

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