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Kapitel 13 - Das Los eines Mörders

  Charles konnte kaum glauben, was er geh?rt hatte. Für ihn war Valentin wohl eine der gutherzigsten Personen, die er kannte.

  Er ist total empathisch und sieht sogar in den schlimmsten Dingen noch etwas Gutes. Für seine Freunde würde Valentin ohne zu z?gern sein Leben aufs Spiel setzen. Zudem kann er niemandem lange b?se sein und sagt immer ehrlich, was ihm auf dem Herzen liegt. Hat man überhaupt eine Chance, ein guter Mensch zu sein, wenn selbst jemand wie Valentin von dieser grausamen Welt zum M?rder gemacht wird?

  Doch Valentins Gesichtsausdruck zeugte nicht davon, dass er log. Im Gegenteil. Er sprach bereits die Worte aus, vor denen sich Valentin noch scheute.

  In was für einer H?lle hast du bisher blo? gelebt, Valentin Dolor?

  Kurz bevor Valentin etwas sagen wollte, betrat pl?tzlich jemand den Raum.

  ?Sch?n, dass es dir wieder besser geht, Charles“, sagte eine ihm bekannte Stimme.

  Schlagartig drehte er sich um. Am Eingang stand Frau Juno, winkte ihm mit einem L?cheln zu und ging anschlie?end zu den beiden hinüber.

  ?Sehr nett, dass du Valentin etwas zu essen geholt hast. Ich bin mir allerdings sicher, dass der Gute sich noch zehn Minuten h?tte gedulden k?nnen.“

  Valentin fuhr mit der Hand über den Hinterkopf und grinste schief, ehe sich seine Gesichtszüge kurz darauf entspannten und er Charles ansah.

  ?Ich denke, wir reden lieber sp?ter weiter, Kumpel. Frau Juno ist bestimmt hier, um noch ein paar Untersuchungen durchzuführen.“

  Na super … Was für ein bl?des Timing!

  ?Verstehe, dann komme ich einfach nachher noch einmal vorbei, um nach dir zu schauen“, erwiderte Charles, wobei er seine Frustration geschickt mit einem L?cheln überspielte.

  Frau Juno legte ihre H?nde auf seine Schultern und beugte sich zu ihm hinunter.

  ?Am besten w?re es, wenn ihr beide es für heute gut sein lasst. Valentin muss sich schlie?lich noch erholen. Ihr k?nnt gerne morgen weiterreden.“

  ?Na sch?n. Dann bis morgen, Kumpel“, verabschiedete sich Charles.

  Er klopfte Valentin auf die Schulter, erhob sich vom Stuhl und verlie? die Krankenstation.

  Um ehrlich zu sein, w?re ich ein ziemlicher Heuchler, wenn ich jetzt schlechter von Valentin denken würde. Immerhin habe ich meine Eltern ebenfalls umgebracht. Zudem kenn’ ich ja nicht mal die ganze Geschichte.

  Nachdenklich sa? Charles auf der Hoftreppe. Sein Blick fiel auf Caleb, welcher es sich unter dem nahegelegenen Baum gemütlich gemacht hatte und vor sich hin d?ste.

  Ich sollte vorerst mehr über Maya herausfinden. Vielleicht ist das nicht ganz fair von mir, dich so auszunutzen, aber bisher warst du Caleb, die beste Informationsquelle. Bitte sei es auch dieses Mal!

  Gem?chlich erhob sich Charles und schlenderte in Richtung des Baumes.

  ?Hey Caleb, wach auf, du gro?e Schlafmütze!“, rief Charles, der sogleich ein breites Grinsen aufsetzte.

  Benommen richtete Caleb den Oberk?rper auf und schaute in alle Richtungen, bevor er Charles vor sich entdeckte. Caleb rieb sich die Augen und begrü?te ihn mit einem verschlafenen L?cheln: ?Oh hi, Chali, was geht?“

  Wie bitte? Chali? Soll das etwa mein neuer Spitzname sein? Ich meine, dass er sich für Valentin einen Spitznamen ausgedacht hat, kann ich noch verstehen, aber für mich? Charles ist schon extrem kurz, was will man da bitte abkürzen? Andererseits ist das wenigstens besser als ?Charlie‘ oder ?Liebling‘.

  Bei der Erinnerung an das Gespr?ch mit Maya biss Charles unbewusst seine Z?hne zusammen und verengte die Augen.

  ?Chali, warum guckst du manchmal genauso traurig wie Vali?“, fragte Caleb.

  Die Augen von Charles rissen sich weit auf.

  ?W-was meinst du damit?“

  Nachdem er aufgestanden war, ragte der wesentlich gr??ere Caleb wie ein Turm vor Charles auf. Einer, der ihn voller Sanftmut anschaute, als würde er gerade mit einem verletzten Hundewelpen reden. Mit sanfter Stimme sagte er zu Charles: ?Wenn etwas ist, dann kannst du es mir sagen. Wir sind schlie?lich Freunde.“

  Daraufhin streckte er Charles seine Hand entgegen und l?chelte. Die so unvermittelt angebotene Hilfe irritierte Charles enorm.

  Traurig? Ich sehe traurig aus? Wie verdammt nochmal sollte ich denn sonst aussehen, h??

  Vor seinem geistigen Auge lie? Charles die letzten Tage Revue passieren und realisierte, was er bisher alles durchmachen musste. Der andauernde Kampf gegen Maya, die Rettungsaktion von Valentin und seine nie enden wollenden Probleme und Rückschl?ge hatten ihre Spuren hinterlassen. Gerade erst vor ein paar Tagen war er von der Krankenstation entlassen worden, und schon landete Charles erneut dort. Obwohl er ausgeschlafen hatte, war er geistig so müde und ersch?pft.

  Er war am Ende. Schon seit L?ngerem.

  Aber Charles hatte sich gezwungen, dennoch weiterzumachen. Zudem gab es eine andere Sache, die ihm viel st?rker zu schaffen machte. Eine, die er bisher mit aller Kraft versucht hatte, zu ignorieren, um sich nicht von seiner Mission ablenken zu lassen. In diesem Moment der Schw?che wurde es ihm mit aller St?rke bewusst, wie sehr er seine Eltern vermisste. Nichts wünschte Charles sich sehnlicher, als sie an seiner Seite zu haben, um diesen Albtraum, den er sein Leben nennen musste, zu beenden. Eine Umarmung oder allein schon ein nettes Wort von ihnen würden reichen, damit er das alles einigerma?en durchstehen k?nnte. Jedoch waren sie nicht da. Stattdessen stand vor ihm nur der gigantisch wirkende Caleb, mit einem treudoofen Gesichtsausdruck, der Charles regelrecht zu Tr?nen rührte.

  Und dann geschah es: Etwas in ihm zerbrach und Charles sank auf die Knie. Tr?nen fingen an, über sein Gesicht zu laufen. Kurz darauf weinte er heftiger als je zuvor in seinem Leben und erz?hlte Caleb alles. Angefangen bei jener schicksalhaften Nacht, in der er vor seinem brennenden Haus erwachte und zusah, wie seine Eltern starben, bis zu jenem Moment, als ihn seine übrigen Verwandten nach dieser Trag?die verstie?en. Dabei lie? Charles bis auf seine magischen Kr?fte kein Detail aus. Von einem Tag auf den anderen hatte er sein Leben, wie er es bisher kannte, verloren. Am schlimmsten daran war, dass die Schuld bei ihm lag. Er konnte die Menschen, die er liebte, nicht beschützen, und das fra? ihn innerlich auf. Selbst wenn Charles jetzt ein neues Ziel gefunden hatte, das er verfolgen wollte, kam er nicht umhin, die Ungerechtigkeit der Situation zu verfluchen: ?Müssen wir echt jeden kleinen Moment, in dem wir glücklich sind, sp?ter mit zehnmal so viel Pech zurückzahlen? Oder hab’ ich meine Chancen auf ein friedliches Leben kaputtgemacht, weil ich Abschaum bin? Vielleicht ist das einfach mein Schicksal. Schlechte Menschen wie ich dürfen in dieser Welt nicht fr?hlich und unbeschwert sein.“

  Nachdem er sich ebenfalls hingekniet hatte, legte Caleb seine Hand auf Charles Schulter.

  Stolen from its rightful author, this tale is not meant to be on Amazon; report any sightings.

  ?Ein schlechter Mensch würde seine Taten nicht bereuen.“

  Mit Tr?nen in den Augen blickte Charles zu ihm hoch: ?Ich bin dafür verantwortlich, dass zwei Menschen, die ich über alles geliebt habe, tot sind.“

  ?Und dadurch bist du automatisch ein B?sewicht? Ich dachte immer, alles w?re wie Münzen“, erwiderte Caleb, nahm seinen Zeigefinger ans Kinn und schaute leicht seitlich nach oben.

  Wie Münzen? Was meint er damit?

  Nach kurzem Grübeln verstand Charles, worauf er hinauswollte.

  ?Du meinst zwei Seiten einer Medaille?“

  Ein L?cheln erschien auf dem Gesicht und seine Augen strahlten, als er Charles ansah.

  Ich vermute, das ist Calebisch für ?ja‘.

  Charles seufzte.

  ?Du verstehst das, glaube ich, noch nicht so ganz. Ich bin ein M?rder! Hast du denn keine Angst vor mir? Was ist, wenn sich das von damals wiederholen sollte?“

  Das L?cheln von Caleb wechselte in ein breites Grinsen.

  ?Menschen haben nur Angst vor Dingen, die sie nicht verstehen. Ich verstehe dich jetzt etwas besser, Chali.“

  Noch ehe Charles antworten konnte, h?rte er ein seltsames Ger?usch hinter sich. Als er den Kopf gedreht hatte, um zu sehen, wer sich da in ihr Gespr?ch einmischte, bot sich ihm ein Anblick, den er nie vergessen würde. Mit weit aufgerissenen Augen stand Maya einfach reglos da. In ihren Augen sah Charles etwas, das er nicht für m?glich hielt. Gro?e Wasserperlen flossen ihre ger?teten Wangen herab. Sie weinte. Unverkennbar vergoss die sonst so empathielose Maya Tr?nen.

  ?Es tut mir leid“, flüsterte sie leise, bevor sich Maya umdrehte und weglief.

  Sprachlos starrte Charles ihr hinterher. Sofort packte Caleb ihn am T-Shirt, hob ihn in die Luft und schaute ihn bedrohlich an. Der pl?tzliche Umschwung in seiner Gefühlslage jagte Charles einen Schauer über den Rücken, zumal er nun fast einen halben Meter über dem Boden baumelte.

  ?Was hast du zu ihr gesagt?“, schrie Caleb.

  ?I-Ich habe gar nichts gesagt. K-Komm schon, Caleb! Bitte beruhig dich!“

  Allerdings erzürnte Caleb diese Aussage noch mehr.

  ?Ach ja? Und warum weint sie dann?“

  ?W-Wegen meiner Vergangenheit? Vielleicht …?“, spekulierte Charles und sah, wie Calebs Augen auf einmal aufblitzten. Er lie? Charles zu Boden fallen, woraufhin dieser r?chelte. Nachdem er sich etwas gefasst hatte und wieder aufstehen konnte, stellte Charles fest, dass Caleb zu seiner Denkerpose zurückgekehrt war.

  ?Verstehe … Maya ist wie immer sehr mitfühlend. Meinst du nicht auch, Chali?“

  War ja klar, dass er wieder nur das Gute in ihr sieht. Wir reden hier von Maya. Keine Ahnung, was in ihrem Kopf vorgeht. Eines ist jedoch sicher: Dieser sanft aussehende Riese kann wirklich gef?hrlich werden, wenn es um Maya geht.

  Zusammen mit Caleb setzte sich Charles wieder unter den Baum. Nach einer kurzen, wohlverdienten Verschnaufpause, in welcher beide die Augen schlossen und still den Bl?ttern beim Rascheln zuh?rten, stellte Charles eine Frage: ?Sag mal, Caleb, was ist Maya für dich?“

  ?Sie ist …“

  Auf Charles Gesicht erschien ein selbstzufriedenes L?cheln. Maya ist deine Angebetete und genau deshalb frage ich. Die beste Option, die mir im Moment bleibt, ist, Caleb irgendwie dazu zu bringen, ihr seine Gefühle zu gestehen, damit sie mich für ihn verl?sst. Nur so kann ich Mayas Fokus von mir weglenken.

  ?… wie eine Mutter für mich.“

  Nach dem Sturz von der Mauer meinte Charles, zu wissen, wie es sich anfühlt, auf einer Wolke zu liegen. Er hatte sogar eine Vorstellung davon, wie es w?re, aus ihr zu fallen. Doch nicht einmal das h?tte ihn auf das Gefühl vorbereiten k?nnen, welches er in diesem Moment verspürte. Der sch?ne Plan, den er sich zurechtgelegt hatte, ging mit Pauken und Trompeten unter.

  ?Wie meinst du das? Was ist denn mit deiner echten Mutter?“

  ?Du meinst die Junkiehure, die mich geb?ren musste, weil sie den Ableibungstermin verpasst hat? Die ist tot, und wenn ich ehrlich bin, dann habe ich ihr einen Gefallen getan, als ich an jenem Abend nicht den Krankenwagen gerufen habe.“

  Wow … So emotionslos und kalt, wie er das erz?hlt, hat er keinen Funken Liebe für sie übrig.

  Sogleich fuhr Caleb mit seiner Erz?hlung fort: ?Die Bitch hat sich eh nie für mich interessiert. Sie hat mir ja nicht mal einen Namen gegeben. Ihr beschissenes Heroin war viel wichtiger für sie. Wenn es nach ihr gegangen w?re, dann würde ich nicht mal am Leben sein. Maya hat mir aufgeholfen, als ich am Boden lag, und sich um mich gekümmert, als ich in der Finsternis verloren war. Sie gab mir einen Namen und schenkte meinem Leben Sinn. Ich bin Caleb, ihr treuer Beschützer. Mehr brauche ich nicht. Solange ich ihr nützlich sein kann, bin ich zufrieden!“

  ?Also, findest du nicht, dass Maya zu weit geht? Sieh nur, was sie mit Valen… ich meine Vali, gemacht hat!“

  ?Deine Eltern sind nicht deine Freunde. Sie sind da, um dich zu erziehen. Maya will nur das Beste für jeden und manchmal muss sie das mit Strafen durchsetzen. Sowas nennt sich ?strenge Liebe‘, hat sie gemeint. Ist doch viel besser, als wenn sich niemand um dich schert, oder?“

  Wie ich es mir dachte. Den auf meine Seite zu kriegen, ist fast unm?glich. Im Gegensatz zu den anderen, die Angst vor Maya haben, denkt Caleb tats?chlich, dass sie im Recht ist. Vielleicht sollte ich meine Strategie ?ndern.

  ?Stimmt schon. Aber jetzt mal im Ernst. Wir reden hier von einem versuchten Mord.“

  ?Chali, bist du nicht auch ein M?rder? Für mich gibt es gute Menschen, die Schlechtes tun, und schlechte Menschen, die Schlechtes tun. Was es nicht gibt, sind schlechte Menschen, die von sich aus Gutes tun.“

  ?Du meinst, man sollte Menschen nicht anhand ihrer Taten, sondern anhand ihres Charakters bewerten?“

  Mit strahlenden Augen nickte Caleb aufgeregt.

  ?Und was ist mit schlechten Menschen, die nur vort?uschen, gut zu sein, um andere leichter ausnutzen zu k?nnen?“

  Schweigend starrte Caleb eine Weile auf das Gras vor sich. Dann antwortete er selbstbewusst: ?Seit drei Jahren lebe ich jetzt schon hier im Waisenhaus, und selbst wenn ich nicht wirklich der Hellste bin, habe ich in der Zeit eine Sache gelernt: Maya ist definitiv nicht so eine Person. Ganz bestimmt nicht!“

  ?Was macht dich so sicher?“

  Ein zufriedenes L?cheln erschien auf Calebs Gesicht und seine Augen wurden glasig.

  ?Weil sie jedem von uns ihre Hand gereicht und aufgeholfen hat, als wir am Boden zerst?rt waren. Sie hat uns alle gerettet.“

  ?Warte mal! Jedem? Hei?t das, ihr seid nur Freunde geworden, weil Maya euch angesprochen hat?“, fragte Charles überrascht.

  ?War bei dir doch genauso, oder nicht?“

  Das deckt sich mit Valentins Geschichte. So langsam ergibt sich ein Muster. Die Freundesgruppe existiert nicht aus Zufall. Anscheinend hat Maya sich aus einem ganz bestimmten Grund mit allen angefreundet. Die Frage ist nur: Warum? Was ist ihr eigentlicher Plan? Und welche Rolle spiele ich dabei?

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