?Um ehrlich zu sein, hat mich Valentin in die Freundesgruppe geholt“, erwiderte Charles.
?Verstehe, dann hat sie ihn vielleicht beauftragt, dich anzusprechen. Das kommt nicht selten vor. Valentin kann sehr gut mit anderen, von daher kriegt er hin und wieder mal solche Aufgaben von Maya.“
Na, sieh mal einer an. Das ist ja ?u?erst interessant. Die Frage ist nur, warum sie extra so eine Ausnahme für mich macht.
W?hrend Charles darüber nachgrübelte, kam ihm die Zaubershow in den Sinn.
Wollte sie mich mit ihrem gro?en Auftritt beeindrucken? Nein. Das passt eigentlich nicht. Sie war ja sauer auf Valentin, weil er mich ungefragt ins Geheimversteck eingeladen hatte. Oder wurde sie eifersüchtig auf ihn und benutzte das blo? als Ausrede? Ich sch?tze, die Antwort wei? wohl nur Maya.
Das erinnerte ihn wiederum an was anderes. Ganz beil?ufig fragte Charles: ?Apropos Maya! Ich habe dich ja mal nach ihren Zaubertricks gefragt. Wei?t du noch, welche das waren?“
Caleb überlegte kurz, ehe er sagte: ?Der Ver?nderungstrick!“
Die Augenlider von Charles senkten sich.
Hat er etwa schon vergessen, dass er mir bereits davon erz?hlt hat?
?Ja, ja, den kenn ich bereits. Gibt es noch was anderes?“
In Calebs Kopf begann es augenscheinlich richtig zu rattern. An einem Punkt meinte Charles sogar, zu erkennen, wie ein bisschen Rauch aus seinem Kopf aufstieg.
?Mir f?llt nur noch der Verzauberungstrick ein.“
Na siehste, geht doch!
?Und wie funktioniert der?“
?Ach, der Zauber ist recht unspektabul?r. Im Prinzip kann sie stumpfe Dinge scharf machen. Sowas wie alte Messer zum Beispiel.“
Wie? Das war's? Ein tragbarer Schleifstein aus Mana? Und mit welcher F?higkeit kann sie dann in der einen Sekunde im Wald verschwinden und in der anderen wieder auf der Mauer stehen?
?Bist du wirklich sicher, dass dies all ihre magischen Kr?fte sind? Bitte denk nochmal gründlich nach! Hat sie vielleicht sowas wie eine Teleportationsf?higkeit?“
Nach einiger Bedenkzeit schüttelte Caleb vehement den Kopf, bevor er aufstand und Charles die Hand reichte.
?Ich habe Bock, zu schaukeln. Kommst du mit?“
Schauckeln? Der hat echt die Ruhe weg, was? Andererseits habe ich mir echt mal eine Auszeit verdient nach dem ganzen Mist.
?Na, von mir aus“, antwortete Charles und machte sich mit Caleb auf den Weg zum Spielplatz, wo sie ausgelassen tobten, bis allm?hlich der Abend hereinbrach.
Nachdem Charles sich vom Eingang des Spielezimmers aus versichert hatte, dass Maya eine neue Partie Schach gegen Rochelle angefangen hatte, begab er sich zu den Klassenzimmern. Ganz am Ende des Ganges befand sich eine gro?e Tür, die zur Bibliothek führte. Hier konnten Kinder nach Belieben in allen m?glichen literarischen Sch?pfungen st?bern. Von Sachbüchern bis zu Comics war hier alles zu finden. Natürlich waren bei einem Gro?teil der Kinder eher die belletristischen Werke beliebt, was sich deutlich an der Abnutzung dieser zeigte. Hingegen setzten einige der Lehrbücher in den hinteren Bücherregalen bereits dicke Schichten Staub an. Langsam wanderte Charles durch die Reihen hin und her, bis ihm ein gro?es Lexikon ins Auge fiel. Vorsichtig hob er den Schm?ker vom Regal und setzte sich in den Schneidersitz, um das schwere Buch auf seinen Beinen ablegen zu k?nnen. Wie er gehofft hatte, war es eine Sammlung an Beschreibungen aller Rang-I-F?higkeiten diverser Affinit?ten. Charles ging das Inhaltsverzeichnis durch und fand genau das, wonach er gesucht hatte.
?Illusions-Affinit?t: Diese ?u?erst seltene Auspr?gung der Magie besch?ftigt sich vornehmlich mit dem Vorgaukeln falscher Tatsachen. Der Kern eines guten Zaubertricks ist der sogenannte ?Fool‘. Der Effekt, der beim Zuschauer auftritt, sobald dieser nicht logisch erkl?ren kann, was sich vor seinen Augen abgespielt hat. Bis einschlie?lich Rang III spielen alle Zauber mit der Wahrnehmung eines oder mehrerer Betrachter, um diese T?uschung herbeizuführen. Etwas plump ausgedrückt: Die Magie dieser Affinit?t ist zu real, um fake zu sein, aber gleichzeitig zu fake, um tats?chlich Realit?t zu werden.“
So richtig konnte sich Charles keinen Reim darauf machen, weshalb er beschloss, einfach weiterzulesen.
?Rang I beinhaltet genau drei F?higkeiten:
– Ver?nderungstrick: …“
Schnell überflog Charles die Beschreibung der ihm bereits bekannten F?higkeit.
?– Verzauberungstrick: …“
Die Erkl?rung wich inhaltlich kaum von Calebs ab, war jedoch viel besser formuliert. Erg?nzend wurde zum Beispiel erw?hnt, dass sich die verzaubernden Gegenst?nde exakt wie scharfe Objekte anfühlten. Physische Verletzungen k?nne man mit diesen allerdings nicht zufügen.
Scheint, als h?tte ich mich geirrt. Für Maya ist dieser Zauber extrem nützlich. Damit ist sie in der Lage, jemanden zu foltern, ohne Spuren zu hinterlassen. Und dass sie es bei Valentin trotzdem getan hat, zeigt, wie m?chtig Maya eigentlich ist. Alle k?nnen sehen, was sie macht, aber keiner kann was dagegen tun.
Er bl?tterte die Seite um.
?Solar-Affinit?t: …“
Warte mal! Wo ist die dritte F?higkeit?
Zwischen den beiden Seiten immer wieder hin und her bl?tternd suchte Charles die Beschreibung. Allerdings konnte er sie nirgends finden.
Haben die etwa vergessen, den Rest zu drucken, oder was?
Als er die Seite erneut umbl?ttern wollte, bemerkte er etwas Seltsames. Mit Adleraugen schaute er auf den Einband des riesigen Schm?kers vor ihm. Ein minimaler Spalt war in den Klebestreifen von diesem zu entdecken. Zu klein, als dass man es sieht, wenn man nicht danach sucht, und dennoch gro? genug, damit eine weitere Seite Platz finden k?nnte.
Was zum …? Hat hier jemand eine Seite entfernt? Das ist doch …
Ein finsterer Ausdruck erschien in seinem Gesicht.
Nein, es ist genau das, was sie tun würde, um ihren Vorteil zu behalten.
Seufzend stand Charles auf und hievte das dicke Buch zurück an seinen Platz, bevor er die Regale weiter durchst?berte. Als er in der letzten Ecke der Bibliothek angekommen war, fiel ihm ein altes, fast zerfallenes Buch ins Auge. Nachdem Charles den Staub vom Cover gepustet hatte, las er den Titel: ?Antimagie, der m?chtigste Zauber, der nicht existiert.“
Unauthorized duplication: this tale has been taken without consent. Report sightings.
Neugierig schlug er die erste Seite auf.
?Der Schlüssel zur m?chtigsten Magie in unserer Welt ist es, keine zu verwenden.“
Eine von Charles Augenbrauen zog sich nach oben.
?hm … was? Habe ich mich da gerade verlesen? Das kann niemals stimmen. Jedes Kind wei?, dass jemand mit magischen Kr?ften automatisch Nicht-Zauberern überlegen ist.
Er zuckte mit den Schultern und las weiter.
?Der ?Treibstoff‘ jeder Magie ist Mana. Diese Energie entsteht in der Quelle im Gehirn eines erwachten Magiers. Um einen Zauber zu wirken, muss sie von dort in die entsprechenden K?rperteile (meist die H?nde) geleitet werden, wo der Anwender das Mana in Form von Magie manifestieren kann. Rang-I-Magier, egal welcher Affinit?t, bew?ltigen den Transport ausschlie?lich über die Manabahnen, w?hrend Rang-II teilweise und Rang-III ausschlie?lich den Blutkreislauf des K?rpers dafür nutzen. Dies bringt diverse Vorteile mit sich: Zum einen verkürzt sich die Zeit für das Sprechen des Zaubers, als auch die Stabilit?t. Nichts ist schlimmer, als wenn deiner Magie mittendrin der Saft ausgeht, weil du nicht schnell genug Mana transportieren konntest. Antimagie hingegen braucht all dies nicht. Sie besch?ftigt sich stattdessen damit, den Transport von Mana zu unterbrechen und das Zaubern zu verhindern. Als Leser fragen sie sich jetzt sicher, warum das relevant ist. Die Antwort: Selbstverteidigung! In einer Welt, die von Leuten mit magischen Kr?ften dominiert wird, ist kaum Platz für Personen ohne besondere F?higkeiten. Antimagie ist demnach nicht nur ein nettes Werkzeug. Es sorgt für den gesellschaftlichen Ausgleich. über die Jahre ist diese uralte Kampfkunst jedoch in der Irrelevanz verschwunden, da diverse Gesetze zur Gleichberechtigung von Magiern und Nichtmagiern erlassen wurden. Dieses Buch besch?ftigt sich deshalb mit der Frage, wie wichtig ihre Bedeutung heute noch ist und ob sie diese erlernen sollten oder nicht. Zudem wird ein Blick auf die geschichtliche Entwicklung geworfen.“
Den Rest bl?tterte Charles fix durch.
Typisch! Wie man diese ?Magie“ anwendet, scheinen die hier nicht zu erkl?ren. So ein Reinfall!
Als Charles das Buch zurückgestellt hatte, bemerkte er aus heiterem Himmel ein Gesicht neben ihm.
?Na, mein Liebling, interessierst du dich für Antimagie?“
Erschrocken fiel er nach hinten und landete auf dem Boden. Die Arme hinter dem Rücken verschr?nkt, beugte sich Maya nach vorne und l?chelte ihn freundlich an.
Der ?Maya-Jumpscare“ funktioniert mal wieder einwandfrei. Sollte sie nicht eigentlich beim Spieleabend sein? Was will die hier?
Maya reichte ihm die linke Hand, doch Charles ignorierte diese und erhob sich von selbst.
?Wenn du willst, dann kann ich dir das Ganze live in Aktion zeigen“, bot sie Charles an, der sich den Staub von der Hose klopfte.
Das w?re meine Chance, mehr darüber rauszufinden. Aber allein in Mayas N?he zu sein, ist schon gef?hrlich. Andererseits würde ich schon gerne wissen, was es damit auf sich hat.
Mit flauem Gefühl im Magen fasste er einen Entschluss.
?Das w?re nett … Liebling“, antwortete Charles, w?hrend er sich innerlich übergab.
Im Hof des Waisenhauses hielt Maya ihre H?nde kampfbereit vor ihr Gesicht.
?Greif mich an, mein Liebling! Mit Magie, versteht sich!“
Sofort griff sich Charles an den Hinterkopf: ?Ach, wei?t du, ich habe noch gar keine …“
?Du musst nicht lügen, Charlie! Ich wei? bereits über deine Magiekr?fte Bescheid“, unterbrach ihn Maya.
Ehe Charles etwas erwidern konnte, fügte sie hinzu: ?Und es ist egal, woher ich das wei?.“
Charles schluckte. Er hielt die H?nde vor sich und blickte auf sie hinab. Bilder eines brennenden Hauses erschienen vor seinem geistigen Auge. Die Finger von Charles begannen zu zittern. Pl?tzlich fasste ihn jemand an den Schultern, und er richtete den Blick nach vorn.
?Qu?le dich nicht so, mein Liebling. Die Vergangenheit l?sst sich nicht mehr ?ndern, aber die Zukunft schon. Ich schw?re bei meiner Liebe zu dir, dass nichts Schlimmes geschehen wird“, sagte Maya, lie? ihn los und trat einen Schritt zurück, um wieder ihre Kampfhaltung einzunehmen.
Bisher kann ich nur einen von drei Zaubern, und dazu ist es auch noch der schw?chste. Immerhin ist dadurch das Risiko wesentlich geringer. Endlich ist es mal hilfreich, so nutzlos zu sein.
Mit ausgestrecktem Arm konzentrierte sich Charles und leitete das Mana aus seiner Quelle zur Handfl?che. Da er aus der Kalten begann, dauerte es ein paar Minuten, bis sich ein Feuerball formte. Doch ehe sich dieser vollst?ndig entwickelt hatte, zog Maya den Mundwinkel nach oben, griff seinen Arm und übte an einer für Charles willkürlich wirkenden Stelle Druck aus. Sofort verglomm das Feuer, was die beiden im Mondlicht zurücklie?, wo sie sich gegenseitig für eine Weile in die Augen sahen. Die Lieder von Maya senkten sich und sie strahlte Charles voller Bewunderung an. Je l?nger er sie anschaute, umso mehr r?tete sich ihr Gesicht.
?Und mein lieber Charlie? Was sagst du?“
?Eine wirklich unglaubliche Technik. Kannst du damit jegliche Zauber stoppen?“
Mayas Mundwinkel senkte sich. Sie lie? Charles los. Anschlie?end stützte sie einen Arm in die Hüfte und hielt die Handfl?che nach oben.
?Ach Charlie! Du hast noch einiges über Frauen zu lernen, mein Lieber.“
Daraufhin drehte Maya sich um und machte sich auf den Weg zurück zum Waisenhaus.
?Der Rest bleibt mein kleines Geheimnis. Vielleicht verrate ich dir ein paar Details, wenn du mich schick ausführst. Gute Nacht, mein Sü?er.“
Kurz vor der Treppe stoppte Maya, warf Charles einen Handkuss zu und sprang summend die Stufen hinauf, bevor sie in der Eingangshalle verschwand. Verloren stand Charles auf der Wiese und schaute hinauf zum hellstrahlenden Mond.
Die Antwort ist, denke ich, klar. Alle Zauber vom ersten Rang, vielleicht sogar teilweise vom zweiten, werden gegen sie nichts bringen. Das macht die ganze Sache noch komplizierter. Wie soll ich so ein Monster bitte schlagen?

