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Kapitel 17 - Ein Schicksal schlimmer als der Tod

  Der Plan von Rochelle war simpel: Zuerst musste ich Valentin von der Krankenstation bekommen. Eigentlich h?tte er noch das restliche Wochenende dortbleiben müssen. Als ich ihm aber die Situation erkl?rt hatte, schafften wir es letzten Endes mit vereinten Kr?ften, Frau Juno davon zu überzeugen, ihn etwas eher zu entlassen. Offenbar scheint sie mir nach seiner Rettung wieder mehr zu vertrauen. Mein Arkafon habe ich dennoch nicht zurückerhalten.

  Unter bew?lktem Himmel stand Charles vor dem Eingang zum Hof. Neben ihm lehnte Valentin mit verschr?nkten Armen l?ssig am Gel?nder. Zu ihren Fü?en lagen mehrere Tüten. Im Kopf ging Charles den Plan weiter durch: Rochelle versucht, Maya davon zu überzeugen, sie als Koch einzusetzen. Angeblich, um besser auf mich aufpassen zu k?nnen und mir im Notfall ein paar Tipps geben zu k?nnen. Schlie?lich ist das mein erstes Date und ich soll mich ja auch nicht vollkommen blamieren. In Wahrheit haben wir es so viel einfacher, Maya in einem Moment der Unaufmerksamkeit gemeinsam zu überrumpeln. Valentin ist dabei unsere Trumpfkarte. Nach au?en soll er uns nur bei den Vorbereitungen helfen. Jedoch versteckt er sich danach unauff?llig in einem Gebüsch nahe der Geheimbasis und wartet auf unser Signal, um diese zu stürmen.

  Nachdem er einen kurzen Blick mit Valentin getauscht hatte, schaute Charles über den Hof. Die Kinder spielten im kleinen Waldstück Verstecken, bemalten die Mauer oder tobten auf dem Spielplatz. Unter einem Baum las Amadeus gemütlich die Bibel und winkte Charles zu, als er sich kurz streckte und ihn dabei bemerkte.

  ?Ihr Schicksal liegt in unseren H?nden, Kumpel“, sagte Charles.

  Kurz darauf erschien Rochelle hinter den beiden. Ihr Arm ruhte l?ssig auf ihrer Hüfte.

  ?Mit Maya ist alles gekl?rt! Wir k?nnen uns also auf den Weg machen.“

  Die Jungs nickten ihr zu. Auf Charles Gesicht erschien ein L?cheln, als er seine Mitstreiter betrachtete.

  Es hat echt lange gedauert, um an diesen Punkt zu kommen. Ich musste viele Rückschl?ge in Kauf nehmen. Teilweise war ich so verzweifelt, dass ich nicht mehr wusste, was ich machen sollte, au?er zu weinen.

  Als Charles sich wieder zum Hof drehte, konnte er beobachten, wie die Sonnenstrahlen durch die Wolken brachen.

  Doch das hat nun ein Ende! Heute holen wir uns die Kontrolle über unser Leben wieder. Gemeinsam beenden wir die Schreckensherrschaft von Maya.

  Aus heiterem Himmel verkündete Valentin: ?Auf geht's, Leute! Wir haben viel zu tun!“

  Sogleich griff er sich die Tüten und rannte eilig die Stufen der Treppe hinunter.

  ?Hey, pass auf, du Idiot! Nicht dass du durch das ganze Gep?ck noch hinf?llst“, rief ihm Rochelle hinterher.

  Abgelenkt durch den pl?tzlichen Zuruf stolperte Valentin und fiel mit lautem Schrei zu Boden. Rochelle klatschte sich die Hand auf die Stirn.

  ?Oh Mann … Dabei habe ich es dir noch extra gesagt! Ist wenigstens alles gut bei dir?“

  Ein unsicheres ?Ja“ wich aus Valentin, der sich wieder aufgerichtet hatte und kniete.

  Ein breites Grinsen erschien auf Charles' Gesicht.

  ?Scheint so, als w?rst du wieder ganz der Alte. Jemanden wie dich kriegt Maya halt niemals klein.“

  Jedoch verflüchtigte sich diese Freude sofort, als er realisierte, dass Valentin nicht aufh?rte, seine Hand anzustarren. Augenblicklich rannte Charles zu ihm. Sein Bauchgefühl verriet ihm, dass etwas Schreckliches passieren würde. Bei Valentin angekommen sah Charles, wie stark dessen Hand blutete. Eine gro?e Schürfwunde zog sich quer über seine Handfl?che. Aber Valentin blieb ruhig. Zu ruhig.

  ?Warum?“, flüsterte er leise.

  Charles streckte seine Hand nach Valentins Schulter aus, welche dieser allerdings wegschlug. Im n?chsten Moment rammte Valentin die Faust in den Boden. Fassungslos starrte Charles auf das, was sich vor seinen Augen ereignete.

  ?Nein, nein, nein, nein … Das darf nicht … Wie kann das …?“, murmelte Valentin und prügelte ohne Pause auf die harte Erde ein, bis sich seine Kn?chel blutrot f?rbten. Aus voller Kehle brüllte er: ?Schei?e! Was passiert mit mir?“

  Es war ein Anblick, den Charles niemals vergessen würde. Mit leblosen Augen und tr?nenüberstr?mten Wangen starrte Valentin in seine Richtung. Er sah aus, als w?re für ihn eine Welt zusammengebrochen. Der Blick von Charles fiel auf Valentins H?nde, die in einem schrecklichen Zustand waren.

  Das sieht richtig schmerzhaft aus. Wie kann er sowas aushalten? Ich würde mich bestimmt auf dem Boden w?lzen.

  Langsam wurde es ihm bewusst.

  Sag mir nicht!

  ?C-Charles, wieso tut es nicht weh?“, fragte Valentin mit zitternder Stimme.

  Die Augen von Charles rissen sich auf.

  Spürt er etwa keine Schmerzen mehr?

  Wie eingefroren blickte er auf seinen blutverschmierten Freund. Pl?tzlich rief ihm jemand zu: ?Charles, hol sofort Frau Juno! Ich kümmere mich um Valentin. Mach schnell!“

  Es war Rochelle, die ihnen zur Hilfe geeilt war und nun versuchte, Valentins Arme zu fixieren, damit dieser sich nicht weiter verletzen konnte. Ihre Worte holten Charles aus seiner Schockstarre.

  ?M-Mach dir keine Sorgen, Kumpel! Es wird alles wieder gut!“, versicherte er Valentin, bevor Charles losrannte.

  ?Nein! Bitte bleib bei …“

  Doch Valentins schwache Stimme verhallte im Nichts, w?hrend Charles die Treppe der Eingangshalle hinaufstürmte.

  Vor der Krankenstation lehnte Charles an der Wand. Die Arme verschr?nkt trommelte er mit dem Zeigefinger ohne Pause auf seinen Bizeps und biss die Z?hne zusammen. Minuten fühlten sich an wie Stunden, bis endlich die Ober?rztin die Krankenstation verlie? und mit schweren Schritten zu ihm rüberkam. Sie ging in die Knie und legte ihre Arme auf die Schultern von Charles.

  A case of literary theft: this tale is not rightfully on Amazon; if you see it, report the violation.

  ?H?r mir genau zu! Was passiert ist, war nicht deine Schuld. Es war alles nur ein dummer Unfall. Ohne dich w?re Valentin vielleicht gar nicht mehr am Leben. Mach dir bitte keine Vorwürfe für das, was ich dir gleich sagen werde.“

  ?W-Was ist mit Valentin? Sagen Sie mir, dass alles wieder gut wird, Frau Juno! Ich bitte sie!“

  ?Es tut mir leid, Charles! Durch die massive Unterkühlung, die er erleiden musste, hat Valentin einen dauerhaften Nervenschaden davongetragen. Er wird ohne magische Behandlung voraussichtlich nie wieder Schmerz empfinden k?nnen. Es gibt zwar medikament?se und physiotherapeutische Ma?nahmen, aber die Erfolgschance ist bei dem Ausma? g…e…r…i…n…g…“

  Für Charles wirkte es, als würde die Zeit stehenbleiben. Die Worte, welche Frau Juno sprach, verhallten zu einem leisen, verzerrten Flüstern und verschwanden dann g?nzlich. Wie als h?tte jemand den Lautsprecherknopf der Realit?t runtergedreht. Seine Sicht wurde immer heller und heller, bis er kaum noch Umrisse erkennen konnte.

  Nachdem er sich am Waschbecken des Jungenklos übergeben hatte, kam Charles wieder zu sich. Er blickte in den Spiegel vor ihm und konnte kaum glauben, dass die kreidebleiche Fratze anscheinend sein Gesicht darstellen sollte. Tausende Gedanken prasselten auf ihn ein, doch keiner wollte so wirklich Fu? fassen. Wie in Trance machte er sich sauber, trat aus der Toilette hinaus und stand pl?tzlich einer bekannten Person gegenüber. In einiger Entfernung winkte ihm ein l?chelndes M?dchen im schwarzen Rollkragenpullover zu.

  ?Na, mein sü?er Liebling. Ich habe das mit Valentin geh?rt und bin sofort gekommen, um nach dir zu schauen. Ist alles okay mit dir? Du siehst irgendwie nicht so gut aus.“

  Seine Augenbrauen spitzen sich zu.

  ?Beantworte mir nur eine Frage, Maya! Hast du gewusst, was passieren k?nnte?“

  Daraufhin legte diese ihren Kopf schief und führte ihren Zeigefinger ans Kinn.

  ?Ob ich wusste, dass eine Unterkühlung zu einem dauerhaften Nervenschaden führen kann?“

  Die Handfl?chen nach oben gerichtet, zuckte sie mit den Schultern.

  ?Tja, wer wei?.“

  Charles biss die Z?hne zusammen und ballte die F?uste.

  Du verdammtes Monster!

  Es erforderte all seine Selbstbeherrschung, um nicht sofort auf Maya loszugehen.

  ?Gib endlich auf! Euer kleiner Plan ist gescheitert.“

  Mit einem L?cheln auf den Lippen kam Maya langsam n?her.

  ?Ich habe euch schon geschlagen, bevor ihr überhaupt einen Zug machen konntet. Das sollte dir, denke ich, die Hoffnungslosigkeit deiner Lage klarmachen.“

  Direkt vor Charles hielt sie an, legte ihre Arme um seinen Hals und flüsterte ihm ins Ohr: ?Ich werde niemals die Kontrolle verlieren! Du bist Schachmatt, Liebling.“

  Diese Worte halten in Charles' Gedanken immer und immer wieder. Jede Wiederholung beraubte ihn seiner angestauten Wut und hinterlie? in Verzweiflung zurück.

  Sie hat recht. Egal was ich auch versuche, ich kann Maya einfach nicht schlagen. Für sie bin ich nicht mehr als eine Ameise, die Maya jederzeit zertreten kann. Und genau deshalb spielt sie mit mir.

  Maya gab ihm einen Kuss auf die Wange und machte sich auf den Weg zur Treppe.

  ?Am besten fokussierst du dich jetzt erstmal auf unser Date. Sei Punkt neunzehn Uhr im Hof des Waisenhauses! Das dürfte nicht schwer für dich werden, jetzt, wo dein Terminkalender etwas ?freier‘ geworden ist“, spottete sie und lie? den ratlosen Charles allein im Gang zurück.

  Charles taumelte in die Toilette zurück, bevor er zusammenbrach und bitterlich weinte.

  Es war alles umsonst. Der Kennenlernabend, die Rettungsaktion, unser Plan. Alles! Valentin hat mich ausdrücklich gewarnt, und trotzdem habe ich, Dummkopf, versucht, den Helden zu spielen. Ich habe Valentin zu einem Schicksal verdammt, das für ihn noch schlimmer ist als der Tod. Frau Juno hatte Unrecht. Das hier ist meine …

  Für eine Weile z?gerte er, den Gedanken zu Ende zu bringen. Dann wischte er sich die Tr?nen aus dem Gesicht, stand auf und stützte sich aufs Waschbecken.

  Nein! Nicht meine, sondern ihre! Maya ist der D?mon, welcher uns verfolgt. Das Monster, das wir einfach nicht besiegen k?nnen. Aber selbst Bestien wie sie sind sterblich.

  Als er den Kopf hob, sah Charles in zwei vor Hass funkelnde Augen. In jeder anderen Situation h?tte es ihn erschreckt, sich so zu sehen. Doch nicht heute. Nicht in diesem Moment.

  Valentin zu zerst?ren, war der gr??te Fehler, den du je begangen hast, Maya. Der unwissende, naive Junge, welcher aus Angst vor dir erstarrte, existiert nicht mehr. Heute wird aus mir etwas anderes. Um meine Freunde und alle Kinder in diesem Waisenhaus zu beschützen, werde ich erneut zum M?rder und bringe dir den Tod!

  Mit dem letzten Satz holte er aus und schlug zu. Im n?chsten Moment zerbrach der Spiegel und mehrere Splitter regneten klirrend ins Waschbecken. Danach Stille. Charles packte sich eine der Glasscherben und musterte sie. Die spitzen Kanten schnitten in sein Fleisch. Doch es war ihm egal. Eine Blutspur hinter sich herziehend stapfte er davon.

  Einen Morgen wird es für dich nicht mehr geben, Maya. Das schw?re ich dir!

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