Als er den Hofeingang erreichte, versteckte Charles die Hand mit der Glasscherbe hinter dem Rücken. Nachdem er sich kurz einen überblick verschafft hatte, sah Charles, wie Maya in einiger Entfernung auf der Wiese mit Caleb sprach. Eilig stampfte er die Treppe herunter. Am Ende dieser wartete bereits Rochelle auf ihn, die ihre Hand gerade nach ihm ausstrecken wollte.
?H?r mal, wir müssen dringend red…“
Ihr Satz wurde abrupt beendet, da Charles seine Hand auf ihr Schlüsselbein drückte und sie zur Seite stie?. Gest?rkt durch das Adrenalin setzte er ein Ticken zu viel Kraft ein, weshalb Rochelle fast nach hinten fiel. Kurz darauf vernahm Charles hinter sich ein leises: ?Lauf, mein Bauer.“
Je n?her Charles auf Maya zukam, desto heller flammten seine Augen auf. Mittlerweile hatte sie ihn bemerkt und winkte l?chelnd, als w?re nichts gewesen. Seine Finger krallten sich fester um die Scherbe, die sich noch tiefer ins Fleisch bohrte. Der Schmerz war das Einzige, was ihn daran hinderte, sie nicht an Ort und Stelle zu verbrennen. Caleb spürte anscheinend die Gefahr, die von ihm ausging, und wollte sich schützend vor Maya stellen. Jedoch schob sie ihn mit ihrem Arm zur Seite, weshalb Caleb nur einen finsteren Blick zu Charles warf, der direkt vor Maya stehenblieb.
?Alles gut bei dir, Charlie? Du siehst etwas aufgebracht aus“
Mit hochgezogenem Mundwinkel erwiderte Charles: ?Keine Sorge, Maya, mir geht es bestens. Ich bezweifle aber …“
Mitten im Satz schwang er seinen Arm nach ihr.
?… dass es dir gut gehen wird, wenn ich mit dir fertig bin!“
Von unten nach oben versuchte er, ihre Brust aufzuschlitzen. Allerdings dauerte es nicht lange, bevor Charles auf Widerstand stie?. Er blickte nach unten und sah, wie Maya seinen Angriff mit einer Hand aufgehalten hatte und nun seinen Arm festhielt. Ehe Charles reagieren konnte, schlug sie ihm die Scherbe aus der Hand und drehte sich um neunzig Grad nach links. Dabei zerrte sie seinen Arm mit sich, sodass er den Oberk?rper nach vorne lehnen musste. Anschlie?end drückte Maya seinen Rücken mit ihrer freien Hand nach unten und rammte ihm das Knie in die freiliegende Magengrube. Vor Schmerzen sank Charles auf die Knie, wo er sich mit beiden H?nden den Bauch hielt. Für einen Moment blieb ihm die Luft weg und er k?mpfte damit, einen Atemzug machen zu k?nnen. Derweil fingen ein paar Kinder vom Spielplatz an, die beiden zu beobachten, doch Maya setzte ein freundliches L?cheln auf, wandte sich zu ihnen und winkte. Die Kinder schauten einander kurz an und spielten dann weiter. Nachdem wieder frische Luft in Charles’ Lungen gelangen konnte, schaute er nach oben und sah, wie Maya seine Mordwaffe wie ein Spielzeug behandelte. Sie lie? die flache Seite auf ihrer Fingerspitze rotieren, als w?re es ein Basketball.
?War es das etwa schon, mein Liebling?“, fragte Maya, w?hrend sie die Scherbe in ihrer Rocktasche verstaute.
Die Z?hne zusammengebissen stand Charles auf und holte zum Schlag aus. Mit voller Wucht schleuderte er seine Faust auf ihr Gesicht. Sein Angriff ging jedoch knapp an Mayas Wange vorbei, die nach rechts auswich, drauf und dran war, zu kontern. Charles schloss die Augen und bereitete sich auf den Aufprall ihrer Faust vor. Zu seiner überraschung stoppte Maya kurz vor ihm und schnippte mit dem Zeigefinger auf seine Nase. Ein schwacher Schmerz durchzog Charles, welcher dennoch instinktiv ein paar Schritte zurückstolperte.
?Na komm schon, Charlie, streng dich mal ein bisschen an! Mir wird langsam langweilig.“
Du willst also Action, Maya? Dann zeig’ ich dir jetzt einen Trick, den ich aus einem meiner Lieblingsromane kenne.
Erneut stürmte Charles auf sie zu, drehte kurz vor ihr den Fu? nach innen und rotierte seinen K?rper, um mit dem anderen Bein einen Kick auszuführen. Augenblicklich wich Maya mit einem Geisterschritt nach hinten aus. Daraufhin schnellte sie nach vorn und packte sein Bein. W?hrend sie ein paar Schritte zurückging, wurde Charles ruckartig mitgezogen, wodurch er nach kurzem Humpeln das Gleichgewicht verlor. Unsanft landete er auf dem Hintern, woraufhin Maya seinen Brustkorb mit dem Fu? nach unten drückte. Anschlie?end setzte sie sich seitlich auf seinen Bauch.
?Ich verstehe es nicht. Dir müsste langsam bewusst sein, dass es keine Chance für dich gibt, mich zu schlagen. Warum machst du also weiter?“
?W-weil ich … alles tun werde … um die anderen vor dir zu beschützen“, r?chelte Charles.
Maya überschlug ihre Beine, legte den Zeigefinger ans Kinn und schaute quer nach oben. ?Beschützen? Mal überlegen. Wie hast du das damals zu Valentin gesagt?“
Sie r?usperte sich und schrie dann: ?Du kannst doch nicht mal dich selbst beschützen!“
Ihre Lieder senkten sich, w?hrend sie Charles anl?chelte. Charles stie? sie von sich runter und rollte nach hinten. Dann stützte er seine H?nde hinter seinem Kopf auf den Boden und zog die Beine an, bevor er mit Schwung auf seine Fü?e sprang. Kampfbereit ballte er seine F?uste.
?Wow! Ein Kick-up? Du bist echt geschickt, mein lieber Charlie. Leider hilft dir das nichts. Wir k?nnten dieses Spiel noch den ganzen Tag lang treiben und dennoch würdest du jedes Mal im Dreck enden. Ich bin schlie?lich eine Antimagierin und dir damit im Nahkampf haushoch überlegen.“
So sehr es ihm auch zuwider war, musste sich Charles eingestehen, dass sie recht hatte.
Das Einzige, was ich übers K?mpfen wei?, habe ich aus Büchern. Gegen jemanden Unerfahrenen würde das vielleicht funktionieren, aber nicht gegen Maya.
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Maya streckte den Arm aus und deutete mit dem Zeigefinger nach unten.
?Fall zu Boden und entschuldige dich bei mir! Eventuell drücke ich dann ein Auge zu, weil du mein Liebling bist.“
?Das kannst du vergessen! Bei jemandem wie dir würde ich mich niemals entschuldigen.“
Das L?cheln von Maya verschwand.
?Bei jemandem wie mir? Sag mal … Geht’s noch? Ich bin deine Freundin!“
?Von wegen! Ich würde nicht mal mit dir zusammen sein wollen, wenn du das letzte verdammte M?dchen im Universum w?rst.“
Mit funkelnden Augen erwiderte sie: ?Das ist kein Problem, Charles. Du wirst lernen, mich zu lieben!“
Charles’ Augen weiteten sich.
Die ist vollkommen wahnsinnig! Will sie mich etwa dazu zwingen, sie zu lieben?
?Jetzt geh auf die Knie und bitte um Vergebung!“
?Ich denk’ gar nicht dran!“
Nachdem sie einen Schritt auf Charles zuging, baute sich Maya vor ihm auf. Von oben herab sah das M?dchen ihn mit einer unheimlichen K?lte an, die so wirkte, als k?nnte sie alles gefrieren.
?Geh auf die Knie vor deiner K?nigin!“
?Ich knie vor niemandem!“
Intensiv starrte Maya ihn in die Augen, doch Charles wusste, dass sie dort nur einen Spiegel seiner Entschlossenheit finden würde. Ihre Reaktion best?tigte dies. Ihre Stirn legte sich in Falten und nach einem Seufzen gab Maya Caleb ein Signal. Bevor er begreifen konnte, was passierte, war Caleb bereits hinter ihm und nahm Charles in den Schwitzkasten.
?Bitte, mach einfach, was sie sagt, Charles! Sonst muss ich dir wehtun.“
Kurz dachte Charles darüber nach, seine Magie einzusetzen, um sich zu befreien, aber er konnte es nicht über sich bringen, den unschuldigen Caleb zu verletzen. Schlie?lich hatte dieser nichts Falsches getan. Verzweifelt k?mpfte er damit, aus dessen riesigen Armen zu entkommen, welche ihn unaufh?rlich zu Boden zerrten. Der Kr?fteunterschied jedoch einfach zu gro?. Schlussendlich kniete Charles vor Maya am Boden. Tr?nen flossen über seine Wangen, w?hrend er mit gefletschten Z?hnen und zugespitzten Augenbrauen zu Maya starrte.
?Charles Libertus Fran?ois, ich habe dich lange genug verschont. Anstatt meine Nachsicht als Beweis meiner Zuneigung zu sehen, hast du das Ganze ausgenutzt, um deine kindische Rebellion durchzuführen. Du l?sst mir keine andere Wahl. Ich werde deinen Willen ein für alle Mal brechen müssen. Es wird Zeit für deine erste Bestrafung!“
Mit diesen Worten kam sie sehr nah an Charles ran und legte ihren rechten Zeigefinger unter sein Kinn. Nachdem sie mit dem Daumen über seine Lippe gestrichen hatte, verpasste Maya ihm einen pr?zisen Haken, der Charles augenblicklich ins Reich der Tr?ume bef?rderte.
Vor dem Kamin des Geheimverstecks kam Charles wieder zu sich.
?Oh, gut, du bist endlich wach, Chali.“
über ihm beugte sich der grinsende Caleb. Sofort griff Caleb hinter sich, um eine Wasserflasche hervorzuholen, die er Charles reichte.
?Trink erstmal was! Du hast bestimmt Durst.“
Da das Adrenalin nachgelassen hatte, spürte Charles das volle Ausma? seiner Ersch?pfung und Verletzungen. Er richtete seinen Oberk?rper auf und nahm das Angebot dankend an. W?hrend er trank, lie? er seinen Blick durch den Raum schweifen. Rechts von ihm stand Rochelle, die einen Arm auf den Kaminsims gelegt hatte und gedankenversunken ins Feuer starrte. Auf der gegenüberliegenden Seite lag Amadeus auf dem Sofa und las die Bibel. Einzig und allein Caleb sa? zu seiner Linken und passte auf ihn auf.
Vermutlich, weil Maya es ihm befohlen hat. Apropos, wo ist sie?
Gerade als er aufstehen wollte, um einen besseren überblick zu bekommen, hallte ein helles, metallisches Kratzen durch die Holzhütte. Es klang so, als würde jemand etwas Schweres über einen Betonboden ziehen. Sofort suchten die Kinder nach der Quelle des Ger?usches, das immer lauter wurde und für das Aufstellen ihrer Nackenhaare sorgte. Recht schnell wurden sie fündig, da der L?rm immer offensichtlicher aus Richtung der Bar drang. Doch was als N?chstes passierte, lie? ihnen den Atem gefrieren. Das Schleifen verwandelte sich pl?tzlich in dumpfe Schl?ge und binnen weniger Sekunden kam hinter dem Bartisch auf einmal eine unbekannte Gestalt in einem grauen Zaubermantel zum Vorschein. Sie zog ein waffenartiges Objekt hinter sich her. Für Charles wirkte es, als w?re er gerade Zeuge geworden, wie ein D?mon aus der H?lle heraufgestiegen war, um sie heimzusuchen. Ein Blick zu den anderen verriet ihm, dass er nicht der Einzige war, der so empfand. Die Gestalt klappte die Tür zum geheimen Keller zu, trat hervor und nahm die Kapuze ab. Darunter erschien Maya, deren regloser Gesichtsausdruck im Widerspruch zu dem wahnsinnigen Funkeln in ihren Augen stand. Mit beiden H?nden stemmte sie den schweren Gegenstand, der sich als Vorschlaghammer entpuppte, nach oben und lehnte ihn an ihre Schulter. Das Lied von Charles’ Mutter auf den Lippen ging Maya langsam auf die Kinder zu, deren Gesichter mittlerweile kreidebleich waren. Selbst die sonst so gefasste und selbstbewusste Rochelle erstarrte vor Angst bei dieser albtraumhaften Szenerie. Direkt vor Charles blieb Maya stehen und hockte sich hin. Nach einer Weile verstummte ihr Lied und sie betrachtete ihn.
?Mach dich bereit, mein Liebling! Ich werde dir jetzt zeigen, was Schmerz bedeutet, und sicherstellen, dass du nach dem heutigen Tag aufgibst. Schlie?lich stirbt die Hoffnung zuletzt, aber sie stirbt!“

